Neue Innovationsfehlerwege: Wenn das Phrasenschwein dreimal pfeift

Das Phrasenschwein ist auch so eine bedrohte Tierart. Die Zukunft-der-Medien-Debattierer stopfen gerade so viele Fünf-Euro-Scheine rein, dass es es irgendwann platzen muss. Verfolgt man zum Beispiel auf Twitter die Diskussion im Münchner Presseclub „Die Huffington Post Deutschland: Die Zukunft des Online-Journalismus oder ein Schritt in die falsche Richtung?“ fragt man sich: „Wie lange hält das arme Tier das noch aus? Und geht unwillkürlich in Deckung, um nicht von umherfliegenden Porzellanteilen getroffen zu werden. Folgende Sätze machen dem Schwein und einer konstruktiven Debatte besonders schwer zu schaffen:

  1. Wir müssen neue Wege gehen
  2. Wir müssen Fehler machen
  3.  Im Valley

Macht zusammen 15 Euro. Eine überschaubare Investition, aber dann doch zu wenig, um der Medienbranche weiterzuhelfen.

Lange Zeit hat man ja hilflose, tumbe Verleger als das eigentliche Problem ausgemacht. Es mag sie geben. Aber langsam frage ich mich, ob Innovationsfolkloristen im Kapuzenpulli wirklich die bessere Alternative sind. Nichts gegen das Valley (Disclaimer: Ich war noch nie im Valley, würde aber gerne mal hin und Sie müssen nicht weiterlesen, wenn ich mich damit in Ihren Augen disqualifiziert haben sollte).

Nichts gegen das Valley also, aber wenn die Medienbranche Innovationskultur lernen soll: Warum fängt sie nicht schon mal vor ihrer Haustür an und lernt von mittelständischen Maschinenbauern in Baden-Württemberg oder im Sauerland? Von Technologie-Unternehmen, die einfach nur innovativ sind? Das klingt echt uncool. Aber man könnte schon in Geislingen an der Steige und in Attendorn einiges mitbekommen. Zum Beispiel, Innovationen als absolut selbstverständlich zu betrachten und sie einfach zu machen, statt auf Medienpodien oder in Blogs darüber zu schwadronieren. Eigentlich ist es absurd: Wir sind die Technologie-Nation der Ingenieure und Erfinder, aber wir akzeptieren Innovationen nur, wenn man Hoodies dabei tragen kann.

Mein Vater war fast 40 Jahre Ingenieur in so einem langweiligen Unternehmen. Konstruktionsabteilung, Bereich Servotechnik. Von 7 bis maximal 17 Uhr, zum Mittagessen immer nach Hause. Sehr uncool, aber jede Menge Patente und immer schwarze Zahlen. Leider kann ich ihn seit einigen Jahren nicht mehr fragen, aber ich weiß, wie er auf „Wir müssen neue Wege gehen“ und „Fehler sind wichtig“ reagiert hätte: „Was glaubst du eigentlich, was wir in der Firma den ganzen Tag lang machen?“

8 Kommentare

  1. Lieber Frank Zimmer,
    hab Ihre Geschichte mit großem Vergnügen gelesen – Form wie Inhalt machen einfach Spaß. Mir hat mal jemand die Geschichte eines Musikprofessors erzählt – ich glaube, es war Carl Orff -, der den Ehrgeiz hatte, ein Werk ausschließlich mit Melodien zu schaffen, die es bislang in der Musikgeschichte noch nie gegeben hatte. Herausgekommen ist eine unerträgliche Kakophonie… die Melodien waren aus guten Gründen noch nie einem Publikum zugemutet worden.
    Mancher „Innovationsfolklorist“ (schöner Ausdruck übrigens) scheint ähnlich zu ticken: Wenn´s noch keiner gemacht hat, ist es innovativ, also cool und auf jeden Fall besser als alles, wattes schon jibt oder – schlimmer noch – nicht digital ist. Oh Herr, schmeiß Hirn ra´…
    Lieben Gruß
    Herbert Grab

    1. Lieber Stefan Hoffmeister, danke für den interessanten Beitrag. Bitte nicht missverstehen: Mir geht es in meinem Artikel nicht darum, die Veranstaltung im Presseclub zu verreissen, das kann ich mir überhaupt nicht anmaßen – denn ich war nicht dabei. Mein Ausgangspunkt war die eine oder andere Phrase, die via Twitter verbreitet wurde; nicht mehr und nicht weniger…..Beste Grüße Frank Zimmer

    2. Lieber Frank Zimmer,
      es freut mich, dass Sie meinen Artikel lesenswert fanden – ich Ihren übrigens auch!
      Ich grüsse Sie aus dem kalten Ramersdorf, Stefan Hoffmeister

    1. Das sind nur diese Kapuzenpullis…..Ehrlich gesagt kannte ich den Ausdruck vor ein paar Jahren auch noch nicht ;-)

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