Das Internet der unnützen Dinge

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Nicht, dass früher alles besser gewesen wäre. Aber im Kampf um den Titel „Jahr der Aufregungsökonomie“ liegt 2013 gut im Rennen.

Es ging los mit Rainer Brüderle und der Dirndlfigur einer „Stern“-Redakteurin. Danach diskutierten 60 Millionen deutsche Promotionsgutachter über eine erziehungswissenschaftliche Dissertation an der Universität Düsseldorf. Und wir hatten uns kaum über die Trennung von Christian und Bettina Wulff beruhigt, da setze das „SZ Magazin“ Peer Steinbrücks Mittelfinger auf den Titel.

Jetzt sind sich auch noch Marietta Slomka und Sigmar Gabriel ins Wort gefallen. Mehrmals. Laut „Focus“ ist so etwas schon ein „Eklat“; laut „Bild“ ein „Krawall-Interview“ und der „Spiegel“ räumte am Freitag einen Teil der Homepage frei, um den Leser direkt ins zuständige Online-Forum zu leiten.

Auf manchen Nachrichtenportalen fehlte nur noch die schnarrende Stimme des Kirmes-Promoters: „Kommense rein, kommense rein, meine Damen und Herren, kommense rein und regen Sie sich mal wieder richtig auf, wir Redakteure wollen Sie dabei auch nicht weiter stören“.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich bin selbst Journalist und lebe von Aufmerksamkeit. Ich freue mich über möglichst viele Leser. Ich müsste noch nicht einmal für ein werbefinanziertes Online-Portal arbeiten, um an großer Reichweite interessiert zu sein. Jeder Journalist, jeder Autor, jeder Blogger, einfach jeder, der schreibt, wünscht sich viele, die lesen.

Darum habe ich mit populären Themen auch kein Problem. Auf W&V Online haben wir selbst immer wieder über große Alltagsdebatten berichtet, über Medienphänomene und das, was kreative Köpfe im Netz daraus machen. Das tun wir das auch weiterhin. Aber nicht zu jedem Anlass.

Das „TV-Duell“ zwischen Slomka und Gabriel, über das in wenigen Tagen niemand mehr sprechen wird, war ein solcher Nicht-Anlass. Die W&V-Leser haben das genau so gesehen: Unser drei-Wörter-Artikel zur Frage, was das Interview für die Werbebranche bedeute („Nicht das Geringste“), stieß auf eine unglaubliche Resonanz.

Über 55.000 Facebook-Likes und eine noch viel höhere Zahl an Seitenaufrufen haben den Artikel übers Wochenende auf die Liste der meistgelesenen W&V-Artikel 2013 katapultiert. Auch der Zuspruch im Social Web (Danke für den Facebook-Link, Sascha Lobo) ist ein Signal gegen die nervige Aufregungsökonomie. Das heißt: Wir brauchen sie eigentlich gar nicht. Möge ihr gefährlicher Bluthochdruck sie im nächsten Jahr zwingen, ein bisschen kürzer zu treten.

3 Kommentare

  1. Nicht Aufmerksamkeitsökonomie, @Lars Fischer, sondern AUFREGUNGSökonomie. Gegen Aufmerksamkeit hat kein Journalist was. Habe ich aber auch geschrieben.

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