Content Marketing: Einmal mit Profis arbeiten

Bloggerin von oben: Jessica Schobers Hubschrauberflug gibt es auf Youtube zu sehen. Screenshot: Youtube.
Bloggerin von oben: Jessica Schobers Hubschrauberflug gibt es auf Youtube zu sehen. Screenshot: Youtube.

Die Idee war großartig, das Konzept gut formuliert, und bei der Umsetzung wollten der Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“ und die Vertreter der Landesregierung von Rheinland-Pfalz auf Nummer sicher gehen.  „Einmal mit Profis arbeiten“, werden sich Christian Lindner (Rhein-Zeitung), Rainer Zeimentz (Innenministerium) und Thomas Metz (Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz) gedacht haben, als sie aus Hunderten von Bewerbern eine professionelle Journalistin auswählten.

So kam Jessica Schober aus München zu einem Job als Burgenblogger in einer der bekanntesten Landschaften Deutschlands,  dem Welterbe Oberes Mittelrheintal rund um die Loreley. Die Casting-Gewinnerin war perfekt ausgebildet (Deutsche Journalistenschule), interessierte sich leidenschaftlich für Lokaljournalismus, hatte ein eigenes, viel beachtetes Blogprojekt namens Wortwalz gestemmt und überzeugte durch eine mitreißende Bewerbung auf Tumblr.

Sechs Monate sollte sie auf einer Burg hoch über dem Rhein leben und frei und ungezwungen über die Region und ihre Menschen schreiben. Eigene Projekte und Aufträge Dritter waren weiterhin möglich, es gab ausdrücklich keine Exklusivvereinbarung. Neben der Unterkunft auf Burg Sooneck bekam sie 2000 Euro monatlich, einen Dienstwagen und ein Handy.

Am Mittwoch hat die Burgenbloggerin das Projekt nach weniger als vier Monaten abgebrochen. In einem letzten Artikel erklärt sie:

Als Burgenbloggerin war ich angetreten, um eine neue Art des Lokaljournalismus auszuprobieren. Dabei habe ich gemerkt: Wer über Menschen berichten will, sollte unter Menschen leben. Mitten im Mittelrheintal. Nicht 300 Höhenmeter über ihnen im Wald, in Abgeschiedenheit. Das ist nicht die Art von Lokaljournalismus, für die ich stehe. Deshalb bin ich aus Burg Sooneck ausgezogen und habe das Projekt für mich beendet.

Kommentare zu ihrem Abschiedstext sind nicht zugelassen. Auf Twitter heißt es

Jessica Schober wird hier keine Fragen beantworten.

Über die Gründe von Jessicas Schobers Abschied und ihre zuletzt immer spärlichere Präsenz im Netz und im echten Mittelrheinleben ist schon alles gesagt worden. Blicken wir also nach vorn, denn im kommenden Jahr soll das Projekt neu aufgelegt werden. Reden wir darüber, was man aus der jetzt beendeten Aktion lernen kann und was 2016 besser gemacht werden muss. Denn es wird nicht genügen, das bisherige Konzept aus der Büroschublade zu ziehen und zu hoffen, dass es diesmal über volle sechs Monate hinweg gut geht.

Leider klingt die offizielle Stellungnahme der Projektpartner eher nach „Weiter so“ und „Wir haben alles richtig gemacht“, als nach Selbstkritik und Weiterentwicklung:

Weil schon die Pionierphase mit der ersten Burgenbloggerin so spannend, so fruchtbar und so erfolgreich war, haben wir als Träger des Projektes gemeinsam mit Jessica Schober beschlossen: Der Burgenblog wird weiterleben. Wir sagen gerne und mit Freude: Auch 2016 wird es einen Burgenblogger oder eine Burgenbloggerin geben. Wieder soll er oder sie von Mai bis Oktober als digitaler Reporter im Tal unterwegs sein. Und wieder soll er oder sie  über die Reize und Pracht des Mittelrheintales ebenso berichten wie über seine Wunden und Schrunden. Unvoreingenommen, ungebunden und unzensiert.

Lieber Geldgeber und Partner des Burgenblogger-Projekts, ich hätte da ein paar Vorschläge.

1. Werdet euch darüber einig, was ihr wollt: Eine Bloggerin oder eine Journalistin.

Eigentlich bin ich kein Freund der Blogger- oder Journalisten-Schubladen. Im Fall der  Burgenbloggerin ist der Unterschied aber wichtig, weil Jessica Schober je nach Opportunität damit hantiert hat. Wenn ihr danach war, schrieb sie so subjektiv, recherchefrei und selbstreferenziell wie Bloggerinnen das tun dürfen. Aber sobald sie dafür kritisiert wurde und ihre Leser den Dialog suchten, zog sie sich auf den Standpunkt der distanzierten Journalistin zurück, die niemandem Rechenschaft ablegt. Besonders gut war das rund um ihren Artikel „Gegen Heimweh hilft nur Fernweh“ zu beobachten. Einem Text übrigens, der „RZ“-Chefredakteur Christian Lindner wahrscheinlich keinem seiner Lokalredakteure durchgehen lassen würde, journalistische Unabhängigkeit hin, freies Bloggerleben her.

Beim nächsten Bewohner von Burg Sooneck sollte von Anfang an klar sein: Wenn er Blogger sein will, muss er sich im Netz auch wie ein Blogger verhalten und mit seinen Lesern kommunizieren.  Wenn er stattdessen lieber Journalismus alter Schule bevorzugt: Auch okay. Aber dann möge er sich in seinen Artikeln zurücknehmen und uns seine persönlichen Befindlichkeiten ersparen. Entweder, oder.

2.  Die Burgenbloggerin ist eine Dienstleisterin. Und ihr müsst sie führen.

Juristisch gesehen ist die Burgenbloggerin nichts anderes als der Dachdecker, der neue Schieferplatten auf Burg Sooneck verlegt. Wenn die staatliche Burgen- und Schlösserverwaltung Rheinland-Pfalz ihre Handwerker so führen würde wie ihre Blogger, wäre die Sooneck mit billigen Obi-Dachpfannen zum Preis von portugiesischem Naturschiefer eingedeckt. Jessica Schober hat schon vor ihrem Weggang gerade das Nötigste für das Blog getan und zuletzt nur noch Texte mit minimalem Recherche-Aufwand geliefert. Ihre letzter regulärer Artikel erschien am 8. August. Es ging dort um einen regionalen Mäzen, eigentlich ein wunderbarer Stoff für ein Porträt. Heraus kam ein Protokoll mit Aussagen zum Mittelrhein. Journalisten lieben dieses Format, wenn es schnell gehen muss. Man hört sich etwas an, fasst es zusammen, legt es noch einmal zur Abstimmung vor und veröffentlicht es. Fertig. Aufwand: Maximal ein Arbeitstag.

Wie geht man als Auftraggeber damit um, dass der Blogger weniger liefert als versprochen? Wie reagiert man, was sagt man ihm, welche Konsequenzen zieht man zu welchem Zeitpunkt? Oder reicht es, wenn der Burgenblogger furios startet, eine Debatte im Mainzer Landtag verursacht und eine ziemlich lebhafte Facebook-Gruppe initiiert?

Das müssten die Projektpartner klären. Untereinander, im Gespräch mit den nächsten Kandidaten und vor allem gegenüber den Menschen am Mittelrhein, die einfach nur auf gute Blog-Texte warten.

3. Ihr braucht das PR-Gedöns nicht mehr.

Das öffentliche Casting und die Medienpartnerschaft mit der „Rhein-Zeitung“ waren wichtig, um das Projekt bekannt zu machen. 2014. Braucht ihr das jetzt immer noch? Ich glaube nicht. Ein weiteres Casting kostet Zeit und bringt wenig. Es fördert Selbstdarsteller und lenkt von den wirklich wichtigen Dingen ab. Ihr habt im vergangenen Jahr ein ziemlich gutes Anforderungsprofil formuliert

Wir suchen einen Menschen, der sich nicht über das Mittelrheintal erhebt, sondern sich auf diese Gegend einlässt – realistisch, aber auch mit einem Faible für die Thematik und einer Grundsympathie für die Mittelrheiner, die in dieser ebenso schönen wie strapazierten Region beheimatet sind.

Wenn ihr das noch weiter verfeinert, werdet ihr genau wissen, was und wen ihr wollt. Dann könnt ihr gezielt Blogger ansprechen und müsst euch nicht durch Hunderte von Bewerbungen wühlen.

Überlegt euch auch, ob die Medienpartnerschaft zwischen Land und „Rhein-Zeitung“ überhaupt noch sein muss. Wozu braucht man sie? Um das Projekt überregional bekannt zu machen? Dafür ist eine regionale Tageszeitung mit rigoroser Paywall sicher nicht der beste Partner. Um in der Region selbst zu werben? Auch das kann die „Rhein-Zeitung“ nur unvollständig leisten, denn in wesentlichen Teilen der Region ist die Zeitung überhaupt nicht präsent. Man liest dort die „Allgemeine Zeitung“ und ihre Rheingauer Schwestertitel, also Medien der konkurrierenden Verlagsgruppe Rhein-Main. Das Burgenblogger-Projekt muss jetzt auf eigene  Füßen stehen, es braucht kein Zeitungshaus als Nanny.

Abgesehen davon:  Eine „Medienpartnerschaft“ zwischen Staat und Presse ist ein Unding.

4. Nehmt die Burg nicht so wichtig!

Musste Jessica Schober eigentlich durchgehend auf der Burg wohnen? Ich hoffe, nicht. Klar, die Sooneck gehörte am Anfang zum Storytelling, aber kein freier Mensch wird sich zwingen lassen, ein halbes Jahr lang nur dort und nicht anders zu leben. Die Burgwohnung kann immer nur ein Angebot sein,  nie eine Pflicht. Orientiert euch am Beispiel der klassischen Stadtschreiber. Auch von denen erwartet niemand, dass sie kontinuierlich in Türmen oder über Museen hausen. Lasst den oder die Burgenbloggerin an die frische Luft. Es genügt, wenn sie sich oft auf der Sooneck aufhält, nicht ausschließlich.

Und gebt der Bloggerin um Himmels Willen ein unauffälligeres Auto.

Disclaimer: Ich bin der Region privat verbunden und einer der Admins der von Jessica Schober initiierten Facebook-Gruppe „Du kommst vom Mittelrhein, wenn….“

Wiedervorlage für 2020

t3n-fz„8 Fragen zur Zukunft des Journalismus“ heißt eine Interview-Serie, die auf dem Blog der Kölner Agentur OSK und beim Online-Dienst t3n.de erscheint. Am Montag dieser Woche war ich an der Reihe.

Eigentlich kann ich mit der „Zukunft-des-Journalismus“-Debatte wenig anfangen, weil sie sich fast immer nur im Kreis dreht. Wahrscheinlich ist auch mein eigener Beitrag dazu wenig originell, aber ehe man bei einem vermeintlich ausdiskutierten Thema mit den Augen rollt (wozu ich leider vorschnell neige), sollte man sich über seine Position klar werden und sie formulieren. Der Journalist und Blogger Carsten Christian hat mich mit seinen „8 Fragen“ dazu gezwungen und bei Frage 6 freundlich aber unerbittlich nachgehakt.

1. Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Ich kann mit der Worthülse Qualitätsjournalismus wenig anfangen. Eigentlich sagt noch nicht einmal der Begriff Journalismus besonders viel aus, denn das faktische Medienmonopol der 90er-Jahre-Journalisten ist dahin. Einem guten Text ist es egal, ob er von einem Journalisten, einem Blogger oder einem sonstigen Experten geschrieben wurde; ich mache da keinen Unterschied mehr. Es geht um Qualität, nicht um Journalismus oder Nicht-Journalismus.

Wenn Sie mit Qualitätsjournalismus klassische Medienmarken mit besonders hohem Anspruch an die Produktqualität meinen, ist die Antwort: Sie werden sich irgendwann dadurch auszeichnen, dass sie überlebt haben. Denn ich bin nicht sicher, ob das allen gelingen wird. Herausragende publizistische Qualität wird zwar immer gefragt sein, aber wer sie nicht effizient produziert und geschickt vermarktet, hat es sehr schwer.

2. Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Im Online-Journalismus gibt es nach wie vor einen starken Hang zur Boulevardisierung, jetzt zusätzlich befeuert durch Angebote wie Huffington Post , Buzzfeed oder Heftig.co . Das Niveau wird nicht besser. Ich bezweifle aber, ob der Werbemarkt das alles auf die Dauer finanzieren wird. Beim Zusammenspiel von Print und Online werden wir in den kommenden Jahren viele Modelle à la Spiegel erleben, also eine Koexistenz von kostenfreien Online-Artikeln und digitalisierten Print-Inhalten, für die man zahlen wird. Bei der eigentlichen journalistischen Arbeit verschieben sich die Schwerpunkte von der Produktion zur Kommunikation: Der Typus des Nachrichtenjägers verliert an Bedeutung, weil Nachrichten im Netz nichts mehr wert sind. Dafür wird der Typus Redaktionskommunikator wichtiger. Er tauscht sich intensiv mit Lesern und Multiplikatoren aus und verbreitet seine Artikel oder Videos in dem Raum, den wir heute Social Web nennen.

3. Wie und wo recherchierst du nach guten und spannenden Inhalten?

Auf Twitter und in meinem RSS-Feed. Facebook ist nicht mehr so wichtig, dafür aber immer noch die gute alte E-Mail. Was man oft unterschätzt: Gedruckte Zeitschriften und Zeitungen können eine Fundgrube sein. Leider bleibt für Print meistens zu wenig Zeit.

4. Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und wahrgenommen zu werden?

Dasselbe wie immer: Dinge schreiben, die interessieren. Und den Kontakt zum Leser suchen. Das Netz bietet dafür sehr gute Möglichkeiten.

5. Die technologischen Veränderungen sind rasant – wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und dessen Anbieter anpassen?

Ich glaube nicht, dass Journalisten zwingend eine Programmiersprache beherrschen müssen. Ehrlich gesagt, geht mir die quasi religiöse Überhöhung des Digitalen manchmal auf die Nerven. Wir sollten neue Technologien ganz einfach als potenzielle Arbeitsmittel begreifen, mit ihrer Hilfe einen guten Job machen und uns ansonsten nicht so wichtig nehmen. Generationen vor uns haben auch schon technologische und damit verbundene gesellschaftliche Umwälzungen erlebt. Wir sollten nicht so tun, als wären wir die Ersten auf der Welt, die mit Fortschritt konfrontiert werden.

6. Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Vor allem mit Werbung, aber hoffentlich mit besserer und kreativerer als heute im Netz üblich. Paid Content wird nicht reichen. Nebengeschäfte von Medien und Verlagen werden zunehmend wichtiger. Das können eigene Veranstaltungsangebote wie Awards, Messen, Konferenzen oder Seminare sein – wie sie schon jetzt im Fachinformationsbereich vielfach üblich sind. Magazine werden künftig weitere Geschäftsfelder für sich entdecken, die zu ihren publizistischen Inhalten passen. Man muss sich ja nur am altbekannten Modell der Leserreise orientieren. All diese Veranstaltungen und Dienstleistungen werden sich hier und da zum Hauptgeschäft der Verlage entwickeln, und das bisherige journalistische Kernprodukt wird zur Kunden- oder Mitgliederzeitschrift der Leser-Community. Auch daran werden wir uns gewöhnen müssen.

Natürlich machen wir uns bei W&V auch unsere Gedanken. Es ist weder aktuell noch geplant, aber warum sollte beispielsweise eine Fachzeitschrift für Marketing und Werbung wie W&V nicht auch in der Lage sein, eine Crowdsourcing-Plattform für Kampagnen und Kreationen zu betreiben?  Ich meine damit einen digitalen Marktplatz für Ideen und Kreativleistungen. Es ist seit jeher das Geschäftsmodell der Medien, Leser und Werbekunden zusammenzubringen. Nirgendwo steht, dass das auf immer und ewig mit Anzeigen oder Spots funktionieren muss. Die Hauptsache ist, dass das Medium das tut, wofür schon sein Name steht: zu vermitteln. Solange das glaubwürdig und transparent abläuft, spielt die Plattform keine Rolle.

7. Wie sehen deiner Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Es gibt 2020 mehr sehr gute und mehr sehr schlechte, schrille Inhalte. Lauwarmes Mittelmaß ohne Empathie lesen wir seltener als heute. Was die Formate angeht, wird es etwas mehr Videos geben. Aber nicht, weil die Nutzer es wollen, sondern weil der Werbemarkt danach verlangt. Textjournalismus bleibt trotzdem das Rückgrat der Online-Medien – allein schon deshalb, weil er auf mobilen Geräten leichter konsumiert werden kann.

Ansonsten werden einige klassische Medienmarken verschwunden sein oder nur noch als entkernte oder kaputtsanierte Zombie-Marken weiterexistieren. Dafür gibt es eine Menge neuer Plattformen und professioneller Blogs. Wobei man den Unterschied zwischen einem reichweitenstarken und einer klassischen Medienmarke spätestens 2021 nicht mehr erklären kann. Vorher streiten Stefan Niggemeier und Thomas Knüwer aber noch über die einzig mögliche Rettung für die FAZ.

8. Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

Ich fände so eine Art Verbrauchermagazin im Brand-eins-Stil interessant. Also ein Magazin, das die Glaubwürdigkeit von Marken thematisiert, ohne ihre Produkte bis zur dritten Nachkommastelle zu analysieren.

(Das Interview plus biografischem Vorspann erschien zuerst hier und hier.)

SPIEGEL-Leser klicken mehr

Neulich erzählte Sascha Lobo auf einem FAZ-Podium von seinen praktischen Problemen mit kostenpflichtigem Journalismus im Internet. Er habe es beispielsweise nicht geschafft, ein Digital-Produkt der Süddeutschen Zeitung zu kaufen, obwohl er sich ernsthaft darum bemüht habe und sich im Internet auch ganz gut auskenne (ab Minute 4 in diesem Video).

Sascha Lobos Kritik am verlegerischen Verständnis von Usability ging in der Runde ein bisschen unter, weil es offiziell um „20 Jahre Online-Journalismus“ ging, ein weites Feld also.

Tatsächlich ist der größte Feind vieler Print-Verlage nicht das Internet, sondern die eigene Kundenansprache. Ein Beispiel dafür ist der digitale Spiegel. In der aktuellen Ausgabe steht ein echter Scoop: Halbprivate Äußerungen des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl über Parteifreunde, über Kollegen und über zeitgeschichtliche Entwicklungen von der Einheit bis zum Euro. Aufgenommen von seinem früheren Ghostwriter Heribert Schwan, juristisch höchst umstritten, aber historisch besonders wertvoll. Der „Spiegel“ hat das Thema auf den Titel gehoben und am Wochenende im Netz angeteasert.

Morgen, am Montag, liegt die Print-Ausgabe bei mir im Redaktionspostfach. Weil ich aber neugierig bin (und im Büro sowieso keine Zeit dafür haben werde), klickte ich bei Spiegel Online auf den Link: „Lesen Sie hier im aktuellen Spiegel“. Ich wusste ungefähr, auf was ich mich einließ.

  1. Ich würde zahlen müssen (na gut)
    und
  2. ich würde meine „Spiegel-ID“ brauchen (ein umständliches Verfahren, aber wozu gibt es den „Ich-habe-mein-Passwort-vergessen“-Link).

Was ich nicht wusste:

  1. Wer eine digitale „Spiegel“-Ausgabe auf einen klassischen Rechner herunterlädt (in meinem Fall auf ein Macbook Air), kann zwar problemlos zum nächsten Artikel wechseln. Aber wehe, wenn er innerhalb einer mehrseitigen Geschichte weiterblättern will. Dafür gibt es nämlich kein sichtbar platziertes Icon. „Spiegel“ lesen auf dem Notebook ist nichts für Grobmotoriker, weil das Umblättern am Touchpad hohes Fingerspitzengefühl erfordert. Die Titelgeschichte über Helmut Kohl läuft in der Digital-Version über 17 Seiten. Aber weil man die Digitalisierung ja immer auch als Chance begreifen muss, sagt man sich: 17 Seiten sind 16 Gelegenheiten, das Umblättern bis zur Perfektion zu lernen.
  2. Es nutzt nichts, bei Usability-Problemen am Notebook einfach zum Tablet zu wechseln. Die iPad-App hat mich zwar sofort als Kunden erkannt, aber sie liefert mir die zuvor auf dem Notebook gekaufte aktuelle Ausgabe trotzdem nicht aus. Ich müsste sie für 3,99 Euro nochmals bestellen, diesmal nicht direkt beim Spiegel-Verlag, sondern im App-Store.

Sicher können die Mitarbeiter des Spiegel-Verlages das alles erklären. Vielleicht sogar damit, dass ich zu begriffsstutzig für komplexe Bestellvorgänge im Internet bin oder den einen oder anderen Link einfach nur übersehen habe. Was nicht peinlich sein müsste, denn Sascha Lobo ist so etwas auch schon mal  passiert. Aber wie stellt ihr euch denn sonst so eure Kunden vor, liebe Digital-Verkäufer?

Einstweilen verbleibt der Spiegel-Verlag mit dieser Nachricht:

Sehr geehrter Herr nachname,

vielen Dank für Ihren Einkauf. Folgende Dokumente haben wir Ihnen berechnet:

1) DER SPIEGEL: Digitale Ausgabe 41/2014: EUR 3,99

Update:, 6. Oktober: Stefan Buhr, Leiter Direktmarketing beim Spiegel Verlag, hat sich netterweise gleich am Montagmorgen gemeldet und angeboten, die 3,99 Euro zurückzuerstatten oder ein „Spiegel“-Digital-Abonnement drei Monate langt kostenlos und testweise zur Verfügung zu stellen. Das ist kulant.

Alternative 1 kommt nicht in Frage, weil ich den Artikel ja gelesen habe und er es mir wert war. Alternative 2 bringt einen ins Grübeln, weil der „Spiegel“ fast immer lesenswert ist.

Die Crowd, die sich nicht traut

Screenshot: Krauterporter.de
Screenshot: Krauterporter.de

Kaum ein klassischer Print-Verlag würde seine IVW-Auflage so unverfroren frisieren, wie die Krautreporter die Zahl ihrer „Unterstützer“ (zu denen ich übrigens auch gehöre). Krautreporter-Gründer Sebastian Esser freut sich im NDR-Interview mit Daniel Bröckerhoff über „15.000 Leute, die wollen, dass es klappt“. 15.000 Unterstützer: So viele wollten die Krautreporter gewinnen, um ihr Journalismus-Projekt ein Jahr lang finanzieren zu können. Leider haben sie haben ihr Ziel verfehlt, denn das amtliche Endergenbnis – 16.506 – ist ein Marketing-Gag.

Meist anonyme Großspender durften bis zu 1.000 „Unterstützer“ simulieren. Peter Esser bestreitet das auf Nachfrage von Bröckerhoff auch gar nicht. Mehr dazu in dieser Analyse von Achim Tack. Seine Liste deutet darauf hin, dass neben der Rudolf-Augstein-Stiftung auch mehrere Unternehmer Geld im Wert von jeweils über 100 „Unterstützern“ zugeschossen haben. Das mag alles legal sein, weil die Krautreporter auf die Möglichkeit von Spenden-Abos hingewiesen haben. Aber 1.000 virtuelle Mitgliedschaften als „1.000 Unterstützer“ zu verkaufen, das klingt weniger nach neuem Online-Journalismus als nach künstlich erhöhter „verkaufter Auflage“ in der Print-IVW.

Sebastian Esser kann sich übrigens gar nicht vorstellen, dass irgendein Großspender Einfluss auf Krautreporter nehmen könnte: „Ich wüsste gar nicht, wie das funktionieren sollte“, sagt er treuherzig ins Bröckerhoff-Mikro. Das Geld fließe ja vor der Berichterstattung und nicht hinterher.

Konsequent zu Ende gedacht hieße das also: Käuflichkeit ist immer nur eine Frage des Zeitpunkts. Ich glaube nicht, dass Esser das ernst meint. Aber ich würde die Krautreporter gerne ernst nehmen. Hoffentlich kann ich das bald wieder, denn eigentlich werden sie gebraucht.

Leser wollen gute Geschichten und kein Digital-Gedöns

Sie möchten Springer enteignen? Mir fehlt dazu gerade die Motivation, denn mit dem neuen iPad-Magazin „Epos“ („Das erste Wissen- und Geschichtsmagazin für die digitale Zeit“) ist dem Konzern ein großer Wurf gelungen.

Die erste „Epos“-Ausgabe erzählt für 6,99 Euro die Geschichte des Ersten Weltkriegs. Und zwar so, dass man ihr folgen kann. Das klingt simpel, ist aber in technikverliebten Entwicklungsredaktionen alles andere als selbstverständlich. Viele digitalen Erzählformate kranken nämlich daran, dass sie vor lauter Multimedia-Kraft die Story nicht zum Laufen bringen und den Leser hilflos zwischen Text-, Bild- und Video-Elementen umherirren lassen. Das erinnert dann an einen Opel-Manta-Fahrer, der an der Ampel lieber die Stereo-Anlage aufdreht und den Motor aufheulen lässt, als bei Grün loszufahren.

Genau diesen Fehler hat man diesmal nicht gemacht. „Epos konzentriert sich auf das Lesen, heißt es in der Pressemitteilung. Soll bedeuten: Statt multimedialer Kakophonie herrscht bei „Epos“ ein klares, lineares Prinzip. Der geschriebene Text ist das Leitmedium, und auf ihn ist alles andere abgestimmt: Bebilderung, Animationen, Info-Kästen, Ton -und Video-Dokumente. Der Leser dankt.

„Epos“ ist in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum in Berlin entstanden. Man merkt dem Magazin an, dass neben Journalisten auch routinierte Museumspädagogen mit Blick für besondere Details am Werk waren. Es hat ihm gut getan (Was einen nebenbei auf den Gedanken bringt, dass gute Museumsmacher vielleicht öfters mit Multimedia-Projekten beauftragt werden sollten, denn sie kennen sich mit multimedialen Vermittlung komplexer Inhalte wahrscheinlich besser aus als die meisten Journalisten).

Ist „Epos“ perfekt? Natürlich nicht. Es gibt einige kleine Schönheitsfehler wie falsche Ränge und Titel (die aber wohl nur promovierte Historikern stören), die Textqualität ist ordentlich, aber nicht herausragend, und warum finde ich eigentlich nichts über den deutschen Bündnispartner Türkei? Trotzdem ist „Epos“ das beste Digitalmagazin, das ich seit langem gesehen habe.

Gute journalistische Geschichtsschreibung gilt eigentlich als Spezialität des „Spiegel“. Zufälligerweise kam er genau in dieser Woche mit einem historischen Thema auf dem Titel: „Mein Vater, der Mörder“, eine sehr persönliche Geschichte von Cordt Schnibben. Für das Internet entstand daraus eine digitale „Story“ mit bedeutungsschwerer Musik, Comic-artigen Illustrationen,  spielerischen Funktionen wie „In die Akte zoomen“ und Textschnipseln, die ein bisschen an die Sendung mit der Maus erinnern. Ich hab’s irgendwann aufgegeben und die Geschichte in der Print-Ausgabe gelesen.

Update: Marcus Anhäuser hat sich „Epos“ auch angesehen und beschreibt das Magazin in diesem Screencast:

TV-Historienfilme: Ich wähle Winston statt Wagner

Churchill in Quebec, August 1943. Foto: FDR-Library, Photos of WW2 Collection / Public Domain
Churchill in Quebec, August 1943. Foto: FDR-Library, Photos of WW2 Collection / Public Domain

Churchill? Das war doch der unsportliche Dicke mit der Taschenuhr, der im Zweiten Weltkrieg immer Zigarren geraucht hat. So ungefähr würden viele Deutsche antworten, wenn man sie nach Winston Churchill fragte, dem Mann, ohne den wir als Teenager wahrscheinlich alle in der Hitlerjugend gelandet wären. Dabei lohnt es sich, das Multi-Talent Churchill näher kennen zu lernen.

Multi-Talent nennen wir heute einen Politiker, wenn er neben der Geschäftsordnung seiner Landtagsfraktion auch die EU-Abgasnorm zitieren kann. Churchill schaffte mehr: Er war als Politiker so bedeutend wie als Autor. Er bekämpfte Nazi-Deutschland so früh, so lange und so zäh wie kein anderer alliierter Staatsmann, er schrieb dicke historische Bücher und er gewann 1953 dafür den Literaturnobelpreis.

In der Politik konnte er furchtbar unmodern sein – zum Beispiel in der Frage der indischen Unabhängigkeit. Aber als Medienprofi wäre er heute noch auf der Höhe der Zeit. Als er in den 30er Jahren nur noch ein alternder Ex-Minister war, in keine Regierung mehr berufen wurde und mit seinen ständigen Warnungen vor Hitler der eigenen Parlamentsfraktion auf die Nerven ging, machte er mit einer Flut von Zeitungsartikeln auf sich aufmerksam.

Hätte es damals schon Talkshows und das Internet gegeben – Churchill wäre Dauergast in der britischen Version von Günther Jauch und Blogger mit hunderttausenden Fans und Followern gewesen.

Ich erzähle das alles, weil ich gestern zufällig diesen Film auf Youtube entdeckt habe: „The Gathering Storm“ mit Albert Finney und Vanessa Redgrave aus dem Jahr 2002.

In diesen 96 Minuten (beziehungsweise zehn kostenlosen Youtube-Videos; fragen Sie mich nicht, ob die BBC das weiß) geht es um genau diese Zeit. Also nicht um Churchills „finest hours“ während des Krieges, sondern um seinen politische Bedeutungslosigkeit Mitte der 30er Jahre, seinen Kampf gegen die Appeasement-Politik der eigenen Partei und sein unerwartetes Comeback im Rentenalter von 65 Jahren.

Daneben natürlich auch um private Dinge wie seine Ehe mit „Clemmie“, seine Liebe zu seinem Landhaus Chartwell (das er sich eigentlich gar nicht leisten kann), seine Bewunderung für seinen barocken Vorfahren Marlborough, seine Angewohnheit, an merkwürdigen Orten Parlamentsreden einzuüben und natürlich um Churchills Vorliebe für Dundee Cake (jeden Nachmittag), Champagner (jeden Abend) und Zigarren (immer).

Heute Abend kommt im linearen ZDF übrigens auch ein historisches Thema: „Der Clan – Die Geschichte der Familie Wagner“. Weil das deutsche Fernsehen mit gut gemachten „Historienfilmen“ nicht gerade verwöhnt, bin ich ja skeptisch und höre Iris Berben als Mutter Wagner schon Dinge sagen wie: „Vergiss nie, du bist ein Wagner!“. Aber vielleicht tue ich dem ZDF auch Unrecht. Trotzdem schalte ich wohl eher bei Youtube ein. Es muss da eine Art Fortsetzung von „The Gathering Storm“ geben – mit zwei Emmy-Awards.

Warum Storify das Internet ein bisschen besser machen könnte

Xavier Damman ist Gründer und CEO von Storify. Foto: Storify
Xavier Damman ist Gründer und CEO von Storify. Foto: Storify

Das Internet wird von Geheimdiensten überwacht und von Shitstorm-Idioten tyrannisiert. Aber abgesehen davon steckt es immer noch voller guter Möglichkeiten. Eine davon heißt Storify. Diese Social-Media-Plattform wird die Welt nicht retten (geschweige denn Facebook ersetzen), aber wenn man eine Nummer kleiner akzeptiert, kann man damit interessante Geschichten erzählen; zusammengestellt aus Artikeln, Tweets, Facebook-Posts, Bildern und Videos unterschiedlicher Internetnutzer.

Wie die meisten guten Ideen ist auch die des Storify-Gründers Xavier Damman (ein Belgier in San Francisco) simpel: Man sammelt Inhalte zu einem bestimmten Thema und stellt sie per Drag and Drop in der gewünschten Reihenfolge zusammen. Jedes dieser Content-Collagen („Storifies“) ist eigentlich nichts anderes als das klassische Dossier. Nur übersichtlicher und vielfältiger in der Auswahl der unterschiedlichen Quellen und Netzwerke. Aber das ist nur die eine Seite.

Denn Storify zieht nicht nur Inhalte aus dem Netz, sondern gibt sie in neuer Form auch wieder an das Netz zurück. Jede Storify-Collage lässt sich über einen Embed-Code in jede Webseite einfügen. Das funktioniert genau so einfach wie bei einem YouTube-Video und macht Storify für Medienhäuser besonders interessant. Eingebettet in einen redaktionellen Artikel bei Spiegel Online, Süddeutsche.de oder neuerdings auch bei W&V (hier steht, was ich mit W&V zu tun habe) zahlt der Storify-Content auf das IVW– und Reichweitenkonto der jeweiligen Verlage ein.

Die Idee, Inhalte aus dem Netz zu sammeln und diese Auswahl mit anderen Nutzern zu teilen, ist nicht neu. Vor zehn Jahren versuchte man das über Social Bookmarks. Aber anders als die spröden Linklisten der Web2.0-Ära bietet Storify alles, was eine gute Online-Geschichten braucht: Bildhaftigkeit, Tempo, mehrere Perpektiven, Rhythmus.

Redaktionen können ihre eigenen Inhalte mit denen ihrer Leser und sogar ihrer Wettbewerber kombinieren (sofern kurativer Journalismus für sie kein Schimpfwort ist). Natürlich können Sie aber einfach nur Tweets zu #ibes sammeln. Es gibt viele Möglichkeiten und im Augenblick kenne ich nur einige davon.

Wahrscheinlich bleibt es ein frommer Wunsch, aber Storify könnte nicht nur zu einem offeneren Journalismus führen (das Wort kollaborativ verwende ich lieber nicht). Storify hätte auch das Potenzial, soziale Medien ein bisschen weniger oberflächlich zu machen. Ein lustiges Foto und ein flotter Spruch auf Facebook sind ja schnell gepostet, die Unterschrift unter die nächste Lanz/Brüderle/Thomas Krüger/Wer-auch-immer-muss-weg-Petition geht noch leichter von der Hand und ein Like oder Fav sowieso. Aber bei Storify unterschiedliche Meinungen zu einem bestimmten Thema zu sammeln, zu ordnen und darüber nachzudenken: das wär’s doch mal.

Ich hoffe, Patrick Breitenbach lässt das hier als Beitrag zum Thema #Internetoptimismus durchgehen. Seine Blogparade verdient jedenfalls Unterstützung.

Lobos Internet und Broders Kondome

Henryk M .Broder
Henryk M .Broder / Wikipedia / Creative Commons

Wenn Henryk M. Broder von jemanden behauptet, er verstünde etwas nicht richtig, dann meint er damit gewöhnlich: „Jemand hat eine andere Meinung als ich“. Diesmal geht es dem „Welt“-Kolumnisten um Sascha Lobo, der in in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ausführlich, sehr persönlich und ziemlich gut über die Deformation des Internets durch die NSA-Affäre geschrieben hat („Das Internet ist kaputt“). Alles nicht so schlimm, meint Broder, denn Lobo „versteht nur das Wesen der Dinge nicht richtig“.

Das Internet sei weder kaputt noch gut oder böse. Es handle sich ja nur um eine Technologie. Und Technologien würden manchmal eben missbraucht. So wie ein Lastwagen, der Soldaten an die Front transportiere statt Tomaten auf den Markt. Oder ein Messer, mit dem man nicht immer Brot schneide, sondern manchmal auch die Schwiegermutter. Oder ein Kondom, das prinzipiell ja auch für eine Vergewaltigung…..Und so weiter und so weiter.

Man kennt diese Argumentation von amerikanischen Waffenlobbyisten: Das Gewehr ist nie das Problem, höchstens der Schütze. Also her mit der Knarre.

Wie in jeder Digital-Debatte darf natürlich auch die beliebte Buchdruck-Analogie nicht fehlen. Der Blogger Don Dahlmann kann zwar den „Frust von Sascha Lobo verstehen“, tröstet  aber mit dem Hinweis auf die Luther-Bibel:

„Weder konnte die Überwachung der Druckereien, noch konnten Strafen die Verbreitung verhindern. Mitte des 17. Jahrhunderts stand die Luther-Bibel in 40 % aller deutschsprachigen Haushalte“.

(Die Zahl bezweifle ich übrigens, denn unmittelbar nach dem 30-jährigen Krieg könnte das Luther-Bibel-Geschäft an deutlich mehr als an 60 Prozent der deutschsprachigen Haushalte vorbei gegangen sein. Wegen folgender Ausschlusskriterien: 1. Armut 2. Analphabetismus 3. Katholizismus).

Es hat etwas Ironisches, wenn ausgerechnet die Gesundbeter der Internets mit analogen Gegenständen wie Messern, Kondomen und Luther-Bibeln argumentieren. Was sie dabei übersehen: Es geht nicht um die Verbreitung einer Technologie, nicht um ihren gelegentlichen Missbrauch und auch nicht um die von Karsten Lohmeyer behandelte Frage, wie wir das jetzt Internet besser oder produktiver nutzen können.

Es geht darum, dass Kommunikation und Überwachung im Internet siamesische Zwillinge sind, die niemand voneinander trennen kann – jedenfalls nicht nach heutigem Stand der Dinge. Die Spitzel-Affäre mit ihren Verästelungen bis in die Werbeindustrie hinein ist kein Betriebsunfall im Internet, sie ist Teil des Internets. Und anders als friedliche Nutzer von Messern, Lastwagen und Kondomen sind harmlose Onliner nicht die Guten. Sondern die Dummen.

Wir liefern Futter für die Kraken. Mit unseren Daten und Cookies mästen wir das Monster. Wir verdammen den Missbrauch des Internets und machen ihn zugleich möglich, jeden Tag, mit jedem Klick. Egal ob auf Facebook, in einer Mail oder über einer Suchanfrage. Eine Wahl haben wir nicht, denn es gibt kein anderes Internet. Das ist das Dilemma. Reden wir also nicht von Kondomen.

Die „Welt“ und ihr Krieg: Sorry, wir waren trotzdem die Bösen

Die gute Nachricht ist: Von Kaiser Wilhelm ist Welt.de noch ein ganzes Stück weit entfernt. So verlogen bizarr wie Seine Majestät im August 1914 („Mitten im Frieden überfällt uns der Feind“) argumentiert die „Welt“-Redaktion nicht. Ihre soeben gestartete Serie über den Ersten Weltkrieg relativiert die deutsche Verantwortung für Europas Ur-Katastrophe nur. Zum Auftakt hat „Welt“-Autorin Cora Stephan einen Artikel aus dem vergangenen November recycelt. Die Kernthesen lauten hier wie dort:

  1. „Das Deutsche Reich war nicht ’schuld‘ am Ersten Weltkrieg“
  2. Eigentlich wollte Deutschland sich ja nur verteidigen
  3. Irgendwie waren doch alle auf Krawall aus
  4. Wenn England nicht eingegriffen hätte, wäre aus dem Krieg kein Weltkrieg geworden
  5. Und darum sind wie Deutschen ein Land wie jedes andere. Lassen wir uns keine Kriegsschuld einreden, denn:

    „Aus der Distanz von nunmehr fast hundert Jahren erscheint die Schulddebatte ein wenig wie die Fortführung jener kriegsüblichen Propaganda, der das Deutsche Reich damals kaum etwas entgegenzusetzen wusste, das sich in der Rolle des „Barbaren“, der belgische Frauen und Kinder schändete, vorgeführt sah.“

Gut, wir leben in einem freien Land. Man darf so etwas schreiben. Aber bevor noch „Welt“-Haudegen Tilman Krause in die Debatte eingreift und der SPD die Schuld am Ersten Weltkrieg gibt (nach seinem legendären Artikel über Annette Schavan muss man derartiges befürchten) sollten wir uns alle miteinander noch einmal die Fakten vergegenwärtigen:

  1. Der Erste Weltkrieg begann damit, dass die verbündeten Mächte Deutschland und Österreich-Ungarn Nachbarstaaten den Krieg erklärt haben und dort einmarschiert sind.
  2. Deutschland kannte überhaupt keine Alternative zum großen europäischen Showdown, weil sein einziges militärisches Konzept (Schlieffen-Plan) idiotischerweise nur den offensiv herbeigeführten Mehrfrontenkrieg vorsah.
  3. Deutschland hat gleich zu Beginn des Krieges zwei neutrale Länder überfallen und im größeren der beiden, in Belgien, Kriegsverbrechen wie aus dem Lehrbuch der Waffen-SS-begangen. Allein in der wallonischen Stadt Dinant massakrierten im August 1914 deutsche Truppen 674 Zivilisten, darunter 92 Frauen und 14 Kleinkinder unter fünf Jahren. Das  jüngste Opfer war ein drei Wochen alter Säugling.

Nur in einem Punkt mag die von der „Welt“ monierte Barbaren-Propaganda der Alliierten nicht gestimmt haben: Vielleicht haben die Deutschen wirklich keine belgischen Frauen und Kinder geschändet. Sie haben sie nämlich einfach umgebracht.

Dumm geplant, brutal begonnen, erfolglos geführt, erbärmlich beendet und zum Schluss noch die Dolchstoßlegende: Das ist der Beitrag der deutschen Eliten zum Ersten Weltkrieg. Gut, dass es 100 Jahre her ist. Aber vergessen wir es trotzdem nicht.

Neue Innovationsfehlerwege: Wenn das Phrasenschwein dreimal pfeift

Das Phrasenschwein ist auch so eine bedrohte Tierart. Die Zukunft-der-Medien-Debattierer stopfen gerade so viele Fünf-Euro-Scheine rein, dass es es irgendwann platzen muss. Verfolgt man zum Beispiel auf Twitter die Diskussion im Münchner Presseclub „Die Huffington Post Deutschland: Die Zukunft des Online-Journalismus oder ein Schritt in die falsche Richtung?“ fragt man sich: „Wie lange hält das arme Tier das noch aus? Und geht unwillkürlich in Deckung, um nicht von umherfliegenden Porzellanteilen getroffen zu werden. Folgende Sätze machen dem Schwein und einer konstruktiven Debatte besonders schwer zu schaffen:

  1. Wir müssen neue Wege gehen
  2. Wir müssen Fehler machen
  3.  Im Valley

Macht zusammen 15 Euro. Eine überschaubare Investition, aber dann doch zu wenig, um der Medienbranche weiterzuhelfen.

Lange Zeit hat man ja hilflose, tumbe Verleger als das eigentliche Problem ausgemacht. Es mag sie geben. Aber langsam frage ich mich, ob Innovationsfolkloristen im Kapuzenpulli wirklich die bessere Alternative sind. Nichts gegen das Valley (Disclaimer: Ich war noch nie im Valley, würde aber gerne mal hin und Sie müssen nicht weiterlesen, wenn ich mich damit in Ihren Augen disqualifiziert haben sollte).

Nichts gegen das Valley also, aber wenn die Medienbranche Innovationskultur lernen soll: Warum fängt sie nicht schon mal vor ihrer Haustür an und lernt von mittelständischen Maschinenbauern in Baden-Württemberg oder im Sauerland? Von Technologie-Unternehmen, die einfach nur innovativ sind? Das klingt echt uncool. Aber man könnte schon in Geislingen an der Steige und in Attendorn einiges mitbekommen. Zum Beispiel, Innovationen als absolut selbstverständlich zu betrachten und sie einfach zu machen, statt auf Medienpodien oder in Blogs darüber zu schwadronieren. Eigentlich ist es absurd: Wir sind die Technologie-Nation der Ingenieure und Erfinder, aber wir akzeptieren Innovationen nur, wenn man Hoodies dabei tragen kann.

Mein Vater war fast 40 Jahre Ingenieur in so einem langweiligen Unternehmen. Konstruktionsabteilung, Bereich Servotechnik. Von 7 bis maximal 17 Uhr, zum Mittagessen immer nach Hause. Sehr uncool, aber jede Menge Patente und immer schwarze Zahlen. Leider kann ich ihn seit einigen Jahren nicht mehr fragen, aber ich weiß, wie er auf „Wir müssen neue Wege gehen“ und „Fehler sind wichtig“ reagiert hätte: „Was glaubst du eigentlich, was wir in der Firma den ganzen Tag lang machen?“