TV-Historienfilme: Ich wähle Winston statt Wagner

Churchill in Quebec, August 1943. Foto: FDR-Library, Photos of WW2 Collection / Public Domain
Churchill in Quebec, August 1943. Foto: FDR-Library, Photos of WW2 Collection / Public Domain

Churchill? Das war doch der unsportliche Dicke mit der Taschenuhr, der im Zweiten Weltkrieg immer Zigarren geraucht hat. So ungefähr würden viele Deutsche antworten, wenn man sie nach Winston Churchill fragte, dem Mann, ohne den wir als Teenager wahrscheinlich alle in der Hitlerjugend gelandet wären. Dabei lohnt es sich, das Multi-Talent Churchill näher kennen zu lernen.

Multi-Talent nennen wir heute einen Politiker, wenn er neben der Geschäftsordnung seiner Landtagsfraktion auch die EU-Abgasnorm zitieren kann. Churchill schaffte mehr: Er war als Politiker so bedeutend wie als Autor. Er bekämpfte Nazi-Deutschland so früh, so lange und so zäh wie kein anderer alliierter Staatsmann, er schrieb dicke historische Bücher und er gewann 1953 dafür den Literaturnobelpreis.

In der Politik konnte er furchtbar unmodern sein – zum Beispiel in der Frage der indischen Unabhängigkeit. Aber als Medienprofi wäre er heute noch auf der Höhe der Zeit. Als er in den 30er Jahren nur noch ein alternder Ex-Minister war, in keine Regierung mehr berufen wurde und mit seinen ständigen Warnungen vor Hitler der eigenen Parlamentsfraktion auf die Nerven ging, machte er mit einer Flut von Zeitungsartikeln auf sich aufmerksam.

Hätte es damals schon Talkshows und das Internet gegeben – Churchill wäre Dauergast in der britischen Version von Günther Jauch und Blogger mit hunderttausenden Fans und Followern gewesen.

Ich erzähle das alles, weil ich gestern zufällig diesen Film auf Youtube entdeckt habe: „The Gathering Storm“ mit Albert Finney und Vanessa Redgrave aus dem Jahr 2002.

In diesen 96 Minuten (beziehungsweise zehn kostenlosen Youtube-Videos; fragen Sie mich nicht, ob die BBC das weiß) geht es um genau diese Zeit. Also nicht um Churchills „finest hours“ während des Krieges, sondern um seinen politische Bedeutungslosigkeit Mitte der 30er Jahre, seinen Kampf gegen die Appeasement-Politik der eigenen Partei und sein unerwartetes Comeback im Rentenalter von 65 Jahren.

Daneben natürlich auch um private Dinge wie seine Ehe mit „Clemmie“, seine Liebe zu seinem Landhaus Chartwell (das er sich eigentlich gar nicht leisten kann), seine Bewunderung für seinen barocken Vorfahren Marlborough, seine Angewohnheit, an merkwürdigen Orten Parlamentsreden einzuüben und natürlich um Churchills Vorliebe für Dundee Cake (jeden Nachmittag), Champagner (jeden Abend) und Zigarren (immer).

Heute Abend kommt im linearen ZDF übrigens auch ein historisches Thema: „Der Clan – Die Geschichte der Familie Wagner“. Weil das deutsche Fernsehen mit gut gemachten „Historienfilmen“ nicht gerade verwöhnt, bin ich ja skeptisch und höre Iris Berben als Mutter Wagner schon Dinge sagen wie: „Vergiss nie, du bist ein Wagner!“. Aber vielleicht tue ich dem ZDF auch Unrecht. Trotzdem schalte ich wohl eher bei Youtube ein. Es muss da eine Art Fortsetzung von „The Gathering Storm“ geben – mit zwei Emmy-Awards.

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